burgholzhausen/ Juli 9, 2020

„Wir wollen auf dieser Welt mit anderen zusammenleben.“

Ist das nicht nett? Beine baumeln und Büchertausch mit Weitblick! Seit dem Frühjahr hat sich etwas verändert am Feldweg am Rande von Burgholzhausen hinter dem Spessartring. Der Spaziergänger findet zur Rast eine Baumelbank unter dem großen Yin & Yang-Zeichen mit bester Aussicht in die Wetterau und eine besondere Bücherkiste: Der Inhalt ist zum Schmökern oder zum Mitnehmen gedacht.

Die Idee hatten sie schon lange: Elfi Ebinger und ihr Lebensgefährte Willy Landsiedel. Ihr Garten sollte altersgerecht umgestaltet werden. Die Böschung zum Feldweg hin ist steil und sollte pflegeleichter werden. Der regelmäßige Spaziergänger sah im März, dass Gebüsch im Garten fehlte und eine blanke Mauer sichtbar wurde. Dann kam die schwarz gestrichene Holzwand zum Vorschein, umrahmt von Efeu. Einige Zeit später war die unebene Mauer geglättet, schwarzlackierte Brettern zierten die Oberfläche. Ende April war es dann soweit. Yin und Yang hingen plötzlich an der Wand, zwei einander eng zugewandte Gesichter in weiß und schwarz aus Metall gearbeitet. Es ist nicht das klassische Symbol, aber jeder weiß sofort worum es geht und spürt, dass sich hier  jemand einiges dabei gedacht hat, an dieser Stelle einen Ruheplatz für andere anzubieten. Willy Landsiedel hat sie geschaffen und dem schwarzen Gesicht extra einen weißen Rand „wie zufällig“ angetupft. Drahtige Haarbüschel bilden lustige Farbtupfer. Eine alte Munitionskiste vom Flohmarkt wurde umfunktioniert, aufgepeppt, festmontiert und lädt „Zum Mitnehmen“ ein – die Bücherkiste füllt Elfi Ebinger regelmäßig. „Willy ist der kreative Kopf“, erzählt sie. Aber sie sprüht ebenfalls voller Ideen und steht ihrem Lebensgefährten in punkto Kreativität in nichts nach.

Burgholzhausen Ying und Yang Platz

Bücher zum Stöbern und Mitnehmen

Der gebürtige Oberstedter Willy Landsiedel ist 73, lebt seit Mitte der 70er Jahre in Burgholzhausen. Früher war er begeisterter Fußballer und hat viele Jahre Rohrleitungen in Russland gebaut, bis er selbständig wurde. Seine langjährige Lebensgefährtin Elfi, 71, hat es mit ihrem ersten Mann aus Gärtringen in der Nähe von Böblingen aus beruflichen Gründen 1976 nach Burgholzhausen gezogen. Sie ist früh verwitwet. Willy lebte zwar in der Nachbarschaft. aber kennengelernt haben sie sich erst später im Burgholzhäuser Tennisverein. Sportlich sind sie beide nach wie vor aktiv, ob bei Tennis, zu Pferde oder beim Golfen. Im TVB war sie sogar Aerobic-Trainerin. Sie leben gerne in Burgholzhausen.

Burgholzhausen Ying und Yang Platz

Willy Landsiedel und Elfi Ebinger

Beide wirken fit und strahlen Tatendrang aus. Der Blick in den Garten verrät die Liebe zu Details und die künstlerische Ader. Liebevolle Schmuckdetails, selbst bearbeitete Blickfänge aus Holz und Metall. Einen Schmiede- und Schweißkurs hat Willy Landsiedel zusammen mit dem Nachbarn bei der Friedrichsdorfer Sommerakademie gemacht. Am Hofeingang steht das Ergebnis: eine selbst geschweißte Skulptur, die eine weiße Katze zeigt, farblich passend platziert neben einer prachtvoll blühenden weißen Hortensie. Alte Eisenbahnschwellen hat er bei einem Tennisturnier aus Daun in der Eifel mitgebracht und lustige Gesichter und andere Figuren draus gearbeitet. Im Gebüsch hängt verborgen eine Kugel mit Holzborken verziert. Am Teich sitzt eine Meerjungfrau, die Elfi aus Gips geformt und mit schillernden neuseeländischen Muscheln in tagelanger Handarbeit eingearbeitet hat. Eine kleine Blühwiese und Tomatenpflanzen sind ihr Revier. Selbst der kleine Zaun zum Nachbarn verbirgt selbst gearbeitete Werkstücke, die man finden und auf sich wirken lassen muss. Die beiden haben zu jedem Teil eine kleine spannende Geschichte parat. Drei Stelen stehen am Gartenrand, gekrönt von einem Vogel, einem Frosch (etwa Hugo von Holzhausen?) und einem kleinen Maulwurf. Ein Tipp! Schauen Sie sich den mal genau an! Ein richtig frecher Kerl.

Burgholzhausen Ying und Yang Platz

Willy Landsiedel und Elfi Ebinger inmitten ihrer kreativen Werke

Burgholzhausen Ying und Yang PlatzDie beiden Hausbesitzer freuen sich, dass ihr kleiner Platz mit Aussicht von den Passanten gerne angenommen wird. Die Karte mit dem „Bleiben Sie gesund“ haben sie in einer Zeitschrift entdeckt. Auch hier wieder liebevolle und durchdachte Details wie die kleine Bürste am Haken. Ein Junge kam mit seinem Vater vorbei und hat gleich erkannt, dass dort eine „Bürste zum Saubermachen“ hängt. Willy und Elfi haben keinen direkten Zugang zu dem Leseplatz, hin und wieder schnappen sie Gesprächsfetzen auf, wenn sie gerade mal auf der Höhe im Garten arbeiten. „Einmal habe ich zufälligerweise mitbekommen, dass eine junge Mutter mit ihrem Kind dort saß und ihrem Nachwuchs vorgelesen hat.“ Elfi strahlt, sie freut sich, wenn der Platz andere zum Verweilen einlädt. Die Bücher sind gerne zum Mitnehmen oder zum Tauschen. „Es muss ja nicht immer alles weggeworfen werden.“

Viele weitere Ideen im Kopf

Sie haben noch einiges vor. „Im Kopf ist schon alles fertig, wie es ausschauen muss“, sagt Elfi Ebinger. Die Mauer wird noch verputzt. Aus zwei Holzstämmen möchten sie gemeinsam Skulpturen fertigen und neben die Bank positionieren, eine davon soll eine lesende Frau darstellen. Vorher wollen sie aber in der „Kleinen Herbstakademie“ der Friedrichsdorfer Kulturstiftung noch an einem Kurs teilnehmen. Sie arbeiten gerne gemeinsam und Hand in Hand, auch an gemeinsamen Werkstücken. Willy lacht „Mit ihr kann man Schränke zusammenbauen.“

Burgholzhausen Ying und Yang Platz

Elfi Ebinger und Willy Landsiedel genießen einen Kaffee am Yin & Yang-Platz. Noch ist er nicht ganz fertig.

Warum gerade Yin & Yang?

Bei dem Besuch ihrer Tochter in Neuseeland erlebten sie einen „ruhigen Urlaub ganz ohne Hektik“. Alles war langsamer als hier, erzählt Elfi. Bei einem Strandspaziergang sinnierten sie über die Welt und ihnen wurde bewusst, dass ihre Tochter mit ihrer Familie ja an ihrem jetzigen Wohnort in Neuseeland auch eine „Ausländerin“ ist und dabei toll integriert worden sei. Für die beiden Burgholzhäuser ist es wichtig „im Gleichklang zu sein und respektvoll miteinander umzugehen.“ Auch mal einfach gut zuhören, fügt Willy hinzu. Ihr Yin & Yang-Platz soll zeigen: „Wir wollen auf dieser Welt mit anderen zusammenleben.“ Eine bemerkenswerte Idee.

Kleiner Blick über die Mauer – Bildergalerie

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