Burgholzhausen-info/ August 9, 2026

Sebastian Krumbiegel auf der Alten Burg in Burgholzhausen: ein unterhaltsamer und gleichzeitig erkenntnisreicher Sommerbrücken-Abend mit einem genialen und engagierten Wortkünstler und Vollblutmusiker. Der von den Prinzen?

Sebastian Krumbiegel bei der Sommerbrücke in Burgholzhausen

Er kam mit einem gewinnenden Lächeln, leicht rötlich getönter Sonnenbrille und nur einem Klavier, und 20 Kilo leichter als viele ihn kennen. Sebastian Krumbiegel stellte sich musikalisch vor und die Hände fliegen nur so über die Tasten auf der Bühne der Alten Burg im Friedrichsdorfer Stadtteil Burgholzhausen. Der Rhythmus ist poppig gewinnend, das Klavier klingt voll und die ersten Füße fangen im Publikum an zu wippen. Man vermisst kein Schlagzeug und keine Band. Er, der beim Thomanerchor in Leipzig, erst Sopran, dann Alt und nach dem späten Stimmbruch mit 16 im Tenor weitersang, hat dort die Grundlagen der Musik von der Pike erlernt, ist mit Bach, Händel und dem Vaterunser groß geworden und wusste schon früh, was er werden wollte: ein Popstar.

Natürlich erzählt der 60-Jährige von den Prinzen, der Band, wo er als Frontmann seit den frühen neunziger Jahren sein musikalisches Zuhause hat. Alles nur geklaut, Küssen verboten, Ich wär so gerne Millionär, alles Ohrwürmer, die jeder kennt. Im kommenden Jahr wollen sie ihre Abschiedstournee spielen, zu seinem Bedauern, wie er verrät. Er spielt kurz ein, zwei Stücke an, doch er will dem Publikum in Burgholzhausen seine eigenen Songs und sein zweites Soloalbum vorstellen: Kompass. Krumbiegel ist ein Mann, der viel zu sagen hat und bei dem es sich lohnt zuzuhören. Einer, der die Menschen mit ihrer Sprache abholt, geerdet ist, Alltagsthemen in seinen Songs aufgreift, dabei häufig Themen mit Bezug zum persönlichen Leben erzählt, aber auch politisch kein Blatt vor den Mund nimmt. Will er mit seinen Liedern aufwecken, er ist ein Verfechter der Demokratie und fest davon überzeugt, dass man mit guter Musik und Kultur Menschen besser erreicht und dabei Werte und Überzeugungen vermitteln kann als mit großen politischen Reden.

Entertainer Krumbiegel versteht es mit dem Publikum zu schäkern.

Nur das Klavier und er – beide überzeugen.

Der letzte Ton des Songs wird punktiert und zelebriert.

Er spielt den Titelsong: „Wo ist der Kompass, wo ist die Richtung, ich hab gerade keine Peilung und warum ändere ich meine Meinung?“ Seine Songs sind Reaktionen auf das Zeitgeschehen. „Meine neuen Songs sind politischer geworden als ich wollte.“

Zwischen den Stücken zeigt er, dass er nicht nur ein begnadeter Pianist und großartiger Sänger ist, sondern auch ein geborener Entertainer. Er punktet beim Friedrichsdorfer Publikum, weiß er tatsächlich, dass das Telefon hier erfunden wurde und hat damit vielen Quizshows einiges voraus. Das Ambiente auf der Alten Burg mit den hohen Bäumen gefällt ihm sichtlich wie die Nähe zum Publikum. Verschmitzt erzählt er, dass er schon bei den Leipziger Chorherren gelernt hat, dass es im Klingelbeutel auch gerne rascheln darf und ermuntert das Publikum den Spendenzylinder für die Sommerbrücke entsprechend in der Pause zu füllen. „Ein Open Air-Konzert und das kostenlos, wo gibt es so was?“

Kulturamtsleiter Jonas Steinert verrät bei der Eröffnung, dass sein Herz für die Prinzen schlägt.

Kulturamtsleiter Jonas Steinert hört‘s erfreut, ist dieses Konzert doch ein persönliches Herzensprojekt, wie er in der Eröffnung des Konzertabends verrät. Er ist mit den Prinzen und Krumbiegels Stimme groß geworden, seine Schwester hatte ihr Zimmer mit Zeitungsausschnitten und Postern gepflastert.

Sozialkritisch fragt Sebastian Krumbiegel musikalisch, muss ich ein „Egoist“ sein, führt den Zuhörern Erlebnisse mit Mitmenschen vor Augen, die man leider heute kennt, und liefert die Antwort: Nein. Krumbiegel hat eine klare Meinung zu den „asozialen Netzen“, aus Twitter ist er schon vor zwei Jahren ausgestiegen, hat dem Großverdiener Elon Musk gleich einen Titel gewidmet mit der Aufforderung „Zahl endlich deine Steuern“. Unverhohlen sympathisiert er mit Robin Hood. Krumbiegel erklärt, wie seine Songs entstanden sind, belehren will er nicht, aber er will seine Meinung sagen. Seine flotte Musik verleitet zum Zuhören der Texte mit Tiefgang. Das Publikum bleibt, hört zu, obwohl es auffrischt, er spielt mit kurzer Pause rund zweieinhalb Stunden.

Pause beim Konzert auf der Freilichtbühne Alten Burg

Wer denkt Krumbiegel meckert nur herum, liegt falsch. Seine Songs vermitteln Hoffnung, bauen auf, bieten Lösungen an. In „Keine Angst“ singt er, „Du bist richtig so wie du bist, (…) hab bitte keine Angst“. In seiner Sprache der Straße erzählt er voll Liebe von seinen Eltern. Von seiner Mutter Cornelia, 83, richtet er nach der Pause Grüße aus, sie hätten gerade noch telefoniert. Sein Vater ist 90, immer noch sein erster Kritiker. Er war es, der ihn zu einem Song über die Demokratie inspirierte. „Die Demokratie ist weiblich“. Schade, dass man auf der Naturbühne den Videoclip dazu nicht zeigen konnte, den er vor sieben Jahren aufnahm. Größen wie Iris Berben, Anna Loos, Till Schweiger, Olli Dittrich, Gitte Haenning oder Udo Lindenberg und unzählige andere bekannte und unbekannte Menschen formulierten lautlos die Worte, die Krumbiegel singt und stehen so gemeinsam für das wichtigste gesellschaftliche Gut ein, in der wir leben können (Link zum Youtube-Video). Krumbiegel will sich gewaltfrei und friedlich einsetzen. Er wird politisch, man merkt, es ist ihm ein Herzensanliegen. In Ostdeutschland aufgewachsen kennt er andere Zeiten. Die aktuelle Situation in Sachsen-Anhalt kurz vor der Wahl mit Erstarken der AfD macht ihm Sorgen, weil der Ausgang aus seiner Sicht negativen Einfluss auf ganz Deutschland haben kann. Am Vortag, verrät er, hat er eine politische Veranstaltung besucht und unterstützt gegen Rechts. Er unterstützt nicht nur eine demokratische Partei, „man muss Schnittmengen finden“ und bei der Wahl die Kreuze machen und „keins davon sollte einen Haken haben“. Das Publikum applaudiert.

Sebastian Krumbiegel brilliert auch Solo!

„Ich fühl mich so wohl hier, hab‘ ich vorhin zu Jonas (Steinert, dem Friedrichsdorfer Kulturamtsleiter) gesagt.“ Sein Gesicht untermalt das Gesagte, er, der in der Elbphilharmonie gespielt hat, freut sich über „gefühlt 5000 Leute“ heute Abend hier. Das Publikum lacht. Krumbiegel macht heute das, was er als 15-Jähriger bereits wollte. „In der Schule konnte ich Deutsch, Musik und Englisch, das hat mich interessiert. Alles andere nicht.“  Sein Abi hat er nur mit Ach und Krach geschafft. Heute unwichtig. Er spielt unterhaltende Songs aus den 60ern, erzählt von Annette Humpe, ohne die die Prinzen nicht so erfolgreich geworden wären. Von Rio Reiser, der ihn nicht nur musikalisch geprägt hat, sondern der im Studio für die Prinzen kochte, von seinem Idol Freddy Mercury und von Begegnungen mit Udo Lindenberg. Krumbiegel kann Udos Sprache imitieren und gibt Anekdoten zum Besten. Wie die, als Udo ihn fragte, ob er ihn bei einem Auftritt am Klavier begleiten könne und er auch gleich das Klavier dazu mitbringen sollte. Und er es gerne tat. Der Auftritt selbst war gut, sie spielen „Rock‘n Roll Arena von Jena“, doch Sebastian Krumbiegel ist aufgeregt und verspielt sich. Udo bedankt sich anschließend für den schönen gemeinsamen Auftritt und meint verschmitzt, „da hast du mal eben komponiert“. Udo halt.

Krumbiegel imitiert Udo Lindenberg

Die ersten Besucher zücken ihre Handys statt Wunderkerzen, während Krumbiegel eine Ballade spielt.

Das Solokonzert mit Sebastian Krumbiegel hinterlässt positive Fußabdrücke, ganz ohne Prinzen. Ihm ist sicher nicht bewusst, wie gut sein Song über die Freundschaft mit dem Text „Ich will Alpakas züchten mit dir“ in Burgholzhausen herein passt. Eine Besucherin meinte später, er hat alles verbal so geschickt auf den Punkt gebracht. Selbst in der Pause unterhalten sich die Zuschauer über inhaltliche Themen aus Krumbiegels Songs.

Die Handys wurden gezückt und leuchteten wie Glühwürmchen über dem Publikum, die Bühne nur mit zwei Strahlern erleuchtet, die Krumbiegel bei den sanften Abschiedsklängen in Szene setzen. Er verlässt die Bühne durchs Publikum, mit gewonnenen Herzen, den Klängen von Rio Reisers Junimond nachhallend im Ohr. Bye, bye, Sebastian Krumbiegel! Wir sehen uns wieder.

👍👍👍

Susanne Noster

👉Weitere Impressionen vom Konzert mit Sebastian Krumbiegel auf der Friedrichsdorfer Sommerbrücke am 6.8.26 auf der Freilichtbühne Alte Burg, Friedrichsdorf-Burgholzhausen