Burgholzhausen/ Mai 27, 2021

Der Freizeitsport Geocaching ist mehr als ein Spaziergang an der frischen Luft

Sie sind wieder da! In kleinen Gruppen von zwei bis vier Personen stehen sie vor der katholischen Kirche und zählen die Lilien über dem barocken Eingangstor oder sie vertiefen sich lesend in das historische Schild vor der einstigen Gaststätte „Zur Krone“. Sie sitzen auf den Bänken im alten Ortskern, diskutieren und stärken sich mit einem mitgebrachten Picknick oder haben sich in einer der beiden Pizzerien mit einem Imbiss eingedeckt. Immer mit dabei: Smartphones, ein Stück Papier und UV-Lampen, um auch die Nachtcaches aufzuspüren oder die geheimen Botschaften, die sich auch in Burgholzhausen finden. Die Geocacher sind wieder auf der Suche nach dem „Erbe der Tempelritter“ mitten im kleinsten Stadtteil von Friedrichsdorf. 12 Stationen müssen sie meistern und dabei eine an die Ortsgeschichte angelehnte fantasievolle Geschichte entschlüsseln auf der Suche nach dem „Atem Gottes“, dem Schatz der Tempelritter, wegen dem die alte Burg mutmaßlich zerstört wurde und der sich vielleicht immer noch in Burgholzhausen befindet? Das Rätsel ist spannend auf einer alten Schriftrolle aufbereitet, historische Fakten sind mit Fiktion unterhaltsam kombiniert. Man muss schon seinen Grips anstrengen, um es zu knacken. Die Besten schaffen es in drei bis vier Stunden. Wenn man erfolgreich war, trägt man sich in ein Logbuch ein und gibt den Cache-Owner, also demjenigen der Zeit und Energie ins Auslegen des Schatzes gesteckt hat, Rückmeldung.

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Geocaching gehört seit Jahren zu einem beliebten Freizeitspaß, besonders auch zuzeiten der Corona-Pandemie, das Naturerlebnis ist inklusive. Als im Jahr 2000 GPS zur zivilen Nutzung freigeben wurde, vergrub der Amerikaner Dave Ulmer einen Metalleimer mit einer Dose Hülsenfrüchte in der Erde und stellte die Koordinaten in die Usenet Newsgroup, eine Art Vorläufer der heute bekannten Internetforen. Damit ging der Hype los. Auch in Deutschland, im ersten Jahr gab es rund 150 Caches, wie die Verstecke genannt werden. Inzwischen sind es weltweit rund 3 Millionen!

Wer aber denkt, dass Geocaching nur daraus besteht, eine Plastikdose mit ein paar Überraschungseierfiguren unter einem Blätterhaufen zu finden, der wird eines Besseren belehrt, wenn er die Gelegenheit hat sich mit Alf Windhorst und Peter Pepelnik über das Thema zu unterhalten. Beide sind seit Jahren begeisterte Geocacher, sie gehen nicht nur selbst auf die Suche nach kleinen Schätzen, sondern haben auch eigene Caches entwickelt. Die Geocacher haben durchaus eine eigene Sprache. Ich selbst bin ein „(Geo-)Muggel“, einer der nicht mitspielt und erst mal lernen muss, was ein Traditional, ein Multi, ein Earth Cache oder ein Lost Place ist. Es reicht von einfachen Rätseln und Entdeckungen eines kleinen „Schatzes“ in einer versteckten Box in der Natur bis hin zu fantasievoll ausgeschmückten Themenrätseln, wo die Teilnehmer eintauchen in eine andere Welt voller Geheimnisse und Geschichten, alles authentisch verpackt mit einzelnen Rätselstationen. Im letzten Sommer haben die beiden innerhalb von vier Monaten einen neuen anspruchsvollen Mystery-Cache in Burgholzhausen entwickelt und versteckt, der längst in der deutschen Rankingliste auf Platz 35 steht. „Platz 35 ist der Templer, Dillingen war auf Platz 10“ und seine anderen Caches „auch so in dem Bereich“, erwähnt Alf Windhorst ganz beiläufig. Dazu muss man natürlich wissen, dass es rund 350.000 Caches in ganz Deutschland gibt. Über 30 hat Windhorst ausgearbeitet, einer wurde sogar 2018 „Cache des Monats“ im Geocache-Magazin, wo es bei der Entdeckungsreise um die Erfindung von Philipp Reis geht, besondere Überraschungen inklusive. Als „TCapitano“, so Windhorsts Pseudonym, hat er sich längst deutschlandweit einen Namen in der Szene gemacht.

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser StadtteilseiteDie Faszination Geocaching hat ihn 2010 während eines Familienurlaubs in Dänemark erfasst. Miturlauber entdeckten beim Geocachen abends einen Bunker, die Kinder waren sehr fasziniert. Ein Bekannter erzählte kurz darauf, dass er sich für den neuen Freizeitspaß einen Pocket PC gekauft hätte. Windhorst erinnerte sich und installierte ebenfalls Geocache. In der Mittagspause suchte er in der Berger Straße in Frankfurt seinen ersten Cache und fand es aufregend, war doch um ihn herum niemand, der wusste, welchem Geheimnis er auf der Spur war und stolz, dass er das erste Rätsel mithilfe der neuen Technik gelöst hatte. Heute lächelt man darüber, bieten die Smartphones von heute technisch alle Möglichkeiten in einem kleinen handlichen Gerät. Dabei ist es gerade mal ein Jahrzehnt her.

Sanfter Tourismus im Einklang mit der Natur

Seine Kinder gehen inzwischen nur noch selten mit auf die moderne, manchmal zeitintensive Schatzsuche. Peter Pepelnik, Deckname Peppi07, geht es ähnlich. Die Entwicklung und Betreuung eigener Caches ist zeitintensiv, man muss regelmäßig nach dem Rechten schauen und immer wieder auch Instandhaltungsarbeiten leisten. Zudem wächst mit der Zeit und Erfahrung auch der Anspruch! Im Urlaub nutzen sie regionale Geocaches regelmäßig, um eine neue Region zu erkunden. Windhorst findet es klasse, wie man über das Geocaching an besondere Orte geführt wird und so eine Urlaubsregion entdecken kann und dabei viel Bewegung hat. Der Familienhund darf natürlich mit! Es gibt inzwischen einige Orte, die spezielle Touren für Geocacher anbieten. Manche Gemeinden empfehlen Geocaching einfach als spannende Tour in Form einer Schnitzeljagd durch den Ort (gibt es für Burgholzhausen übrigens auch!). In manchen Regionen wird es als Familienurlaub über eigene Internet-Portale vermarktet, z.B. im Schwarzwald. Dort werden neben den Geocache-Touren direkt Hinweise zu Parkmöglichkeiten, Anfahrtswegen aber auch zu touristischen Attraktionen gegeben, angefangen von Spielmöglichkeiten für Kinder auf einem Minigolfplatz oder Verpflegungsmöglichkeiten an einem Kiosk oder einer Gaststätte. An der Nordsee wirbt man mit Geocaching und dem Slogan „den regionalen Schätzen auf der Spur“. Da geht in Friedrichsdorf bestimmt auch noch mehr!

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Der Erlkönig ist Teil des Rätsels Lösung. Vielleicht wissen Sie ja, wo es in Burgholzhausen zu entdecken ist?

Häufig kommen jetzt allerdings die Naturschützer um die Ecke und beklagen die Zerstörung der Natur durch die Spaziergänger mit den GPS-Sendern. Auch in Burgholzhausen gab es vor einigen Jahren einige kontroverse Diskussionen mit den Geocachern und der Gruppe, die sich um die Pflege des Erlenbachs kümmert. Natürlich finden sich immer Negativbeispiele, wo Menschen sich nicht an vorgegebene Wege halten und einfach rücksichtslos sind, ob Geocacher, Spaziergänger oder Mountainbiker. Die Mehrzahl der Geocacher schätzt und erfreut sich an der Natur, der Weg ist schließlich das Ziel. In fast jedem Jahr finden im Spießwald Treffen der Friedrichsdorfer Geocacher statt, wo gemeinsam aktiv Müll gesammelt und beseitigt wird. Nur im vergangenen Jahr musste es wegen Corona ausfallen, ebenso wie die Bachreinigung. Beim Einrichten eines Caches gelten durchaus Regeln. Windhorst und Pepelnik berichten, dass der Cache „Helden der Kindheit“ über einen Zeitraum von vier Jahren entstanden ist. Die einzelnen Verstecke befinden sich in drei Forstrevieren vom Frankfurter Stadtwald bis in nach Friedrichsdorf. Ein verantwortungsbewusster Cache-Owner versteckt seine „Dosen“ nicht einfach nur im Wald und gibt Koordinaten preis, sondern es werden vorab Genehmigungen eingeholt und finden oftmals zeitintensive Absprachen mit den lokalen Behörden statt.

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Alf Windhorst und Peter Pepelnik schauen nach den Steinen am Bahndamm. Hier beginnt die Suche nach dem Erbe der Burgholzhäuser Tempelritter.

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Steingarten

Vier Monate intensive Vorbereitung für den Hightech-Mystery-Cache

So verwundert es nicht, dass die Entwicklung des spannenden Mystery-Cache „Erbe der Tempelritter“ vier Monate gedauert hat. Die Geschichte musste entworfen werden. Mögliche Locations in ganz Burgholzhausen wurden ausgeguckt und die Umsetzungsmöglichkeiten geprüft, das Liegenschaftsamt kontaktiert, mehrere Gespräche mit der Stadtverwaltung und Stadtwerken erfolgten genauso wie mit Vertretern der Kirchen und auch mehrerer Vereine. Der Tennisverein, wo beide aktive Mitglieder sind, spielt auch eine besondere Rolle. Der Startpunkt auf der Suche der Tempelritter ist am Parkplatz hinter der Schule. Viele Spaziergänger kennen vermutlich den kleinen Steingarten, der im letzten Jahr am unteren Bahndamm gewachsen ist. Die beiden Cache-Owner gehen mit mir durch den Ort und lassen mich „Muggel“ reinschnuppern in die geheimen Verstecke. Ein ordentlicher Weg, der die Cacher wirklich an viele markante Plätze im Stadtteil führt. Sogar einen eigenen Briefkasten gibt es! Zwei Gruppen können pro Tag ein Zeitfenster buchen, sanfter Tourismus halt. Während des Corona-Lockdowns war der Cache zeitweise geschlossen, aus Verantwortung, weil doch viele von weit her mit mehreren Personen im Auto anreisen, um diesen besonderen Cache von TCapitano zu finden. Dennoch waren alleine im letzten Jahr über 500 Gruppen auf der Suche! Wie schwärmte „Team4+“ aus dem Westerwald, die nach 5 Stunden am Ziel waren und dabei sichtlich viel Freude hatten, ein nettes Gespräch mit dem hilfsbereiten Diakon Fries inklusive: „Für derartig gute Dosen fahren wir als Team4+ gerne auch mal quer durch Deutschland…“, wenn auch das letzte Rätsel „noch etwas Zeit und Hirnschmalz abverlangte“ und es gut war, dass zuhause eine Waschmaschine auf sie wartete. Hatten sie doch einen Hinweis fehlinterpretiert und waren leicht vom vorgesehenen Weg abgekommen. Kommt vor, hat der Begeisterung keinen Abbruch getan.

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Ganz Corona-konform unterwegs auf der Suche nach dem Tempelritter ist das Westerwälder Geocache “Team4+”. Die Gesichtsmasken verziert sogar das Geocacher Logo!
von links: Martina alias Matzi76, Oliver alias SOL-DE, Sonja, genannt Jessiblue und Wolfgang – DerMuggel

Ein Höhepunkt mit technischer Raffinesse und sozialer Komponente

Alf Windhorst ist Diplom-Ingenieur in Elektrotechnik und hat seine berufliche Erfahrung und Kenntnisse in eine genial ausgetüftelte Technik an der letzten Station der Burgholzhäuser Schatzsuche einfließen lassen, gut versteckt und beeindruckend zusammen mit Peter Pepelnik umgesetzt. Selbst wenn die Suchenden vor dem Schatz stehen, haben sie ihn noch lange nicht geknackt! Selbst Hitchcock hätte die Dramaturgie nicht besser konzipieren können. Soviel darf verraten werden! Ansonsten ist es ein Ehrenkodex der Geocacher, dass sie anderen nichts über das Auffinden des Caches erzählen. Das Erbe der Tempelritter, ein besonderer echter Schatz.

Für die Entwicklung und den Unterhalt eines Caches dieser Klasse fallen durchaus einige Kosten an. Die Geocacher danken es (meist) durch einen Eintrag ins Logbuch und einer Spende. So sind allein in den letzten 2,5 Jahren rund 2700 Euro bei dem Geocacher TCapitano zusammengekommen, die als Spende an die SOS Kinderdörfer, das Kinderhilfswerk World Vision und die „Back to Live“-Projekte von Stella Deetjen in Nepal weitergereicht wurden. Auch ein Erbe der Tempelritter?

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Blick in die ersten Einträge im Logbuch

Geocache Burgholzhausen Erbe der Tempelritter, Burgholzhäuser Stadtteilseite

Die Brains des erfolgreichen und anspruchsvollen Mystery-Geocaches “Erbe der Tempelritter: TCapitano und Peppi07 alias Alf Windhorst und Peter Pepelnik

Links: www.geocaching.com, www.tcapitano.de

sn
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