burgholzhausen/ Juni 24, 2020

Unter Strom und einer Regenschirmprozession!

Eine Burgholzhäuser Kinderchorprobe in Zeiten von Corona

Die Kinder dürfen und sollen wieder in die Schule, Sportler dürfen wieder trainieren, kleinere Gruppen in den Vereinen dürfen sich wieder zu Besprechungen treffen, aber was ist mit den Chören? Musik hebt die Stimmung, fördert bekanntlich die Gesundheit und stärkt das Lungenvolumen. Ausgerechnet diese Freizeitbeschäftigung ist in Zeiten von Corona gestrichen. Dabei sind die Menschen in Burgholzhausen sehr musikalisch. Eine kleine Gruppe der Ensembles LaCappella probte im Freien, um an Fronleichnam dem Gottesdienst im Pfarrgarten einen feierlichen Rahmen zu geben. Die Choryfeen und die Sängervereinigung Burgholzhausen haben bis auf Weiteres Singpause. Im Vereinshaus Alte Schule darf derzeit nicht gesungen werden. Die Aerosole sind das große Thema, die beim Singen besonders in der Luft verteilt werden. „Das Infektionsrisiko bezüglich Singen in geschlossenen Räumen ist noch nicht klar definierbar, es gibt dazu sehr unterschiedliche Einschätzungen. In den Schulen ist das Singen im Chor verboten, deswegen singe ich seit dem 5. Juni mit meinen Chören an der Hölderlin-Schule und der Grundschule Burgholzhausen draußen.“ So Jochen Schimmelschmidt, der als langjähriger Chorleiter an diesem Montagnachmittag einiges mehr leistet als sonst, um Chorproben mit den Kindern möglich zu machen. Seitdem der Chor 1997 auf eine Elterninitiative hin gegründet wurde, leitet der Musikpädagoge und Klavierlehrer den Kinderchor. Am Freitag um 15.00 Uhr ist Auftritt im Außengelände des Seniorenheimes Kroh in Köppern. „Konzerte sind ein besonderes Highlight und dürfen nicht einfach ausfallen“. Doch die geplanten Musicalaufführungen von „Ritter Rost und das Sternenschiff“ müssen auf Juli 2021 verschoben werden. Von den 64 Kindern, die in diesem Jahr dem Schulchor angehören, wollten vor drei Wochen rund 30 Kinder wieder unbedingt singen. Inzwischen sind es 40. In zwei Gruppen sind sie entsprechend ihrem Alter eingeteilt. „Alle dürfen mitsingen, wenn noch mehr Kinder gekommen wären, hätte ich eine dritte Gruppe eingerichtet,“ so der Chorleiter. Er zeigt sich engagiert und lösungsorientiert. Mit seinen Klavierschülern hat er den Unterricht während des Corona Lockdowns über Skype gemacht. Für Chorproben sind Videokonferenzen jedoch keine Lösung. Wie läuft denn eine Kinderchor-Probe mit 6- bis 9-Jährigen unter den Hygiene- und Abstandsregeln unter Covid-19 ab? Am Montag fand die Generalprobe für das Konzert statt:

Grundschulchor

Der Bolzplatz am Sportlerheim bietet viel Platz unter freiem Himmel.

Sommerliche 29 Grad zeigt das Thermometer. Einzelne Schäfchenwölkchen verteilen sich am sonst strahlend blauen Himmel über Burgholzhausen. Doch was ist das? Eine Regenschirmprozession? Rund 40 Füße tippeln unter Schirmen entlang der Peter-Geibel-Straße und sind in kleinen Gruppen auf dem Weg zum Bolzplatz des TV Burgholzhausen. Dort liegen zwanzig Kanthölzer auf der Wiese verteilt. Zwei E-Pianos stehen bereits versetzt am Rand, Aktivbox und Mikrofone sind aufgebaut. Ein Zollstock liegt halb geöffnet auf dem Klavier. Statt Taktstock ein Zollstock? Chorleiter Jochen Schimmelschmidt überlässt nichts dem Zufall und hat die Abstände für die hölzernen Markierungen von mindestens zwei Metern ausgemessen. Hier sollen seine Chorkinder in Kürze mit dem erforderlichen Mindestabstand voneinander stehen, damit keine Infektionsgefahr besteht. Schnell holt er noch eben einige Kinder aus der Betreuung in der Kinderburg ab.

Ein Vater eines Chorkindes hatte die Idee, beim TV Burgholzhausen anzufragen, ob der Bolzplatz beim Sportlerheim für die Proben genutzt werden könne. Denn obwohl sich der Dirigent bestens mit der Schulleitung der Grundschule versteht, verbieten die derzeitigen Regelungen, dass er als Externer in der Schule oder auch auf dem schulischen Außengelände mit den Kindern singen darf. Hans Struwe, TVB-Vorsitzender, half schnell und unkompliziert alles zu regeln. Das Konzept wurde mit dem Gesundheitsamt vom Hochtaunuskreis abgesprochen, d.h. im Vorfeld wurde hier viel Vorarbeit mit Telefonaten und E-Mails geleistet. Natürlich auch mit den Eltern der Chorkinder. Die Terminabsprachen für die Platznutzung und Schlüsselübergaben klappen reibungslos über Anja Achterberg vom TVB-Büro.

Grundschulchor

Singen mit Abstand – ein Kantholz markiert den Platz für jedes Chorkind. Schirme und Mützen schützen vor der prallen Junisonne.

Singen von Handy & Strom während nebenan der Heli startet

Los geht es fast pünktlich um 14.00 Uhr. Die Kinder des 1. und 2. Schuljahres kennen das Prozedere inzwischen. Sie haben vor dem Tor gewartet und ziehen jetzt hüpfend und rennend mit ihren bunten Schirmen auf ihre Plätze. Dreimal habe sie erst nach der langen Zwangspause geprobt. Eigentlich viel zu wenig für einen Auftritt. „Die Kinder wollten unbedingt die neuen Lieder singen.“ Handeln sie doch von Smartphone, Ufos und sogar umweltpolitisch vom „Strom“, ohne den gar nichts geht. Es geht gleich los, der Chorleiter heftet den akribisch vorbereiteten Ablaufplan mit Wäscheklammern am Notenständer fest. Zwischenzeitlich lenkt er die Kinder nach vorne, die einen Text vortragen werden. Er beginnt mit der geplanten Einleitung für den Auftritt. Emma setzt als Erste mit dem Text ein. „Erst waren wir drei Monate zuhause, die Schule war geschlossen.“ Ein Vater steht bereit, um das Mikrofon auf die richtige Höhe für das nächste Kind zu bringen. Lukas ruft überzeugend ins Mikrofon „Das war blöd!“ Die Kinder wollen den Bewohnern des Pflegeheimes erklären, wie sie sich auf den Auftritt vorbereitet haben: „Wir mussten uns auf dem Bolzplatz zum Singen treffen.“ Der großgewachsene Julian dazu „Nicht nur singen, sondern auch Theaterspielen“. Der Wind weht, das Mikrofon pfeift, die Noten fliegen kurz weg. Die Kinder singen „Die Mandy will ein Handy“, am Mikrofon steht Sema mit ihrem weißen Outfit und passendem Schirm, während nebenan ein Zug der Hessischen Landesbahn vorbei rauscht. Der Chorleiter bricht ab. „Ich bin falsch!“ Die Kinder kichern und rufen „Ja!“ und singen schon längst selbstständig die richtige Strophe „das Handy gar nicht mehr so trendy“. Normalerweise singen die Kinder in diesem Alter noch nicht solo oder am Mikrofon, das kommt erst bei den älteren Jahrgängen. Aber hier draußen ist es quasi eine Notwendigkeit, „sonst wäre es klanglich doch etwas dünn“, so Schimmelschmidt. „Ein Kind singt immer über Mikrofon, wobei sich immer mehr Kinder trauen.“

Grundschulchor

Mutig singen die Erst- und Zweitklässer bereits ins Mikrofon.

Die Außengeräusche sind laut, die Kinderstimmen verlieren sich. Lisette, Leonard und Helen sind gleich dran mit ihrem Solo beim Strom-Song. Geordneter Platzwechsel ist angesagt. Als klar war, dass es eine längere Pause für den Chor geben würde, hat ihr Lehrer in den Osterferien die Stücke als Musikvideo zum Üben für daheim aufgenommen. E-Mails müssen regelmäßig an die Eltern verschickt werden, damit die wissen, dass ihre Tochter oder Sohn eine besondere Aufgabe hat. Nicht immer klappt es mit der Kommunikation, aber dann wird halt – mit kurzem Blick zur Uhr – zweimal mit dem Kind geübt. „Sing etwas heller!“ Und schon gelingen die hohen Töne! Der Dirigent ist zufrieden, die kleine Sängerin strahlt. Nicht nur gesungen wird, einige Kinder spielen auch ein Instrument. Emma kommt nach vorne, spielt im Duett mit dem Lehrer und lässt sich von dem Hubschrauber Christopher 2 nur kurz unterbrechen, der ausgerechnet jetzt vom nahegelegenen Heliport startet. Beim Duett muss man schließlich seinen Spielpartner hören können, das gehört zu den kleinen Herausforderungen einer Probe im Freien. Das Spiel ist dem Chorleiter einen Applaus wert.

Grundschulchor

Applaus nach dem Klavierspiel

Wie passend, dass als nächstes das UFO-Lied geprobt wird. Wieder schnell die Kinder verbal umplatziert. Die verhalten sind erstaunlich diszipliniert in der brütenden Sonne und sind meist eifrig dabei. Sonnenhüte und Baseball-Caps schützen neben den Regenschirmen. Die einen drehen ihn rhythmisch zum Gesang hin und her, ein anderes Mädchen hat ihn zugeklappt, stützt sich auf den Stock und bewegt den ganzen Körper zur Musik. Ein Schmetterling fliegt vorbei, die Blicke folgen natürlich dem kleinen Flugobjekt. Ein blondes Mädel hat sich im Schneidersitz auf den Rasen gehockt und versteckt sich unter dem Schirm. Doch auch sie singt mit.

Herausforderungen bei einem Chor-Auftritt im Freien

Für einen Chorleiter eigentlich ein Graus, denn auf Stimmvolumen kann es hier in diesem Fall nur bedingt ankommen. Schimmelschmidt hofft, „dass wir (am Freitag) einigermaßen gut zu hören sind. Bei Kinderchorauftritten draußen kommt es vor allem auf die tontechnische Verstärkung an, die muss funktionieren und da habe ich schon des Öfteren unangenehme Überraschungen erlebt. Für den Auftritt im Haus Kroh haben jetzt eigentlich gar keine Tontechnik. Wir können nur ein Kind mit einem Mikro verstärken, das dann im Vergleich zum restlichen Chor ziemlich laut sein wird, weil wir den Chor nicht verstärken können. Es wird also eigentlich mehr Solo- als Chorgesang zu hören sein. Aber was ganz wichtig ist, nicht nur für unser Publikum, sondern auch für die Chorkinder selbst: wir singen nicht nur, die Kinder machen auch Ansagen zwischendurch und das wird an einigen Stellen bestimmt ziemlich witzig. Und außerdem spielen viele Kinder auf ihrem Instrument etwas vor, auf dem Klavier oder auf der Flöte. Das macht die ganze Veranstaltung hoffentlich sehr abwechslungsreich.“ Nach dem bisherigen Probenverlauf zu urteilen, wird es das ganz sicher!

Frecher Song mit viel Bewegung und ohne Regenschirm

Als letztes Lied soll in der Probe das sehr witzige Lied „Frechmax“ aufgefrischt werden. Das Lied ist nicht neu, die Kinder haben Bewegungen dazu einstudiert. Der Dirigent merkt, dass die Schirme hier hinderlich sind. „Legt die Schirme zur Seite!“ Da ist doch einiges vergessen worden. Sema wird nach vorne gerufen, um die Bewegungen vorzumachen. Es wirkt: die Hände gehen gemeinschaftlich über die Köpfe und formen ein Dach. Oh, ein Schirm wird vom Wind verweht. Macht nichts. Die Kinder singen weiter „wir sind ja noch so klein“ und zeigen es mit den Händen.

Grundschulchor

Bewegungen untermalen das Frechmax-Lied – mal die Hände über den Kopf…

Grundschulchor

… mal unschuldig die Hände nach außen gedreht.

Der Dirigent schwitzt sichtlich weiter in der prallen Sonne am Klavier. Unterdessen schleicht sich ein junger Mann im blauen TVB-Trikot herein. Vor der Tür stehen zwei Jungs der F-Jugend und warten, bis sie von ihrem Fußballtrainer mit Desinfektionsmittel abgeholt werden. Der eine schiebt ein Fahrrad direkt hinter dem Chorleiter vorbei. Die Kinder singen das Lied trotz erneuter Ablenkung kräftig weiter. Man merkt, dass sie den Song schon länger kennen und selbstsicherer sind. Der Musiklehrer ist zufrieden und sagt es seinen jungen Sängerinnen und Sängern auch. Kurz werden noch einige schwierige Ansagen und Wechsel vor dem Mikrofon nochmals geübt und schon sind die 40 Minuten voller kleiner Herausforderungen um. Die Regenschirmprozession setzt sich wieder in Gange, draußen vor dem Tor warten Eltern. Wer denkt, dass der Chorleiter jetzt bei den heißen Temperaturen zur Wasserflasche greift, sich zurücklehnt und sich die nächste Probe mit den Dritt- und Viertklässler vorbereitet, der irrt. Er beantwortet noch kurz Fragen von zwei Sängerinnen. „Nach den Sommerferien muss eine andere Lösung her für den Musikunterricht. Notfalls in der Turnhalle.“, ruft der Musikpädagoge Schimmelschmidt engagiert und voll unter Strom stehend und dann bringt er mal eben noch die Kinder vom Bolzplatz zurück in die Betreuung. In 20 Minuten beginnt schon die nächste Chorprobe mit den Kindern der 3. und 4 Jahrgangsstufe. Eine Probe unter Strom!

Grundschulchor

Chorleiter Jochen Schimmelschmidt bei der Probe auf dem Bolzplatz

Die Bewohner und Besucher des Seniorenheims Kroh können sich am Freitag definitiv auf einen sehr lebendigen musikalischen Auftritt mit lustigen Liedern, flotten Ansagen und Instrumentalauftritten mit Emma, Helen, Julian, Lukas, Lisette, Leonard, Marie, Sema und all den anderen Kindern des Grundschulchores Burgholzhausen freuen.

Konzert am Freitag, 26. Juni 2020 um 15.00 Uhr mit dem Chor der Grundschule Burgholzhausen im Außengelände des Senioren- und Pflegeheims Kroh, Schulstraße 77, Friedrichsdorf-Köppern.


Wie geht es nach dem Auftritt weiter?

Auf die Frage hin, wie er sich zukünftige Chorproben vorstelle, wenn die aktuelle Situation noch länger andauert, vertritt der Musikpädagoge Jochen Schimmelschmidt einen festen Standpunkt: „Chöre werden nur mit kleineren Gruppen in großen Räumen mit ausreichender Belüftung proben können. Für meine Grundschulchöre hoffe ich, dass ich die Schulturnhallen nutzen kann, in Burgholzhausen und in der Hölderlin-Schule in Bad Homburg. Kein wirklich schöner Ort zum Singen, aber eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Zurzeit ist das noch nicht möglich, nicht erlaubt, was aber eigentlich völlig widersinnig ist. Denn die Sportvereine dürfen schon seit einigen Wochen in die Turnhallen, und beim Sport muss man ja eigentlich noch ganz anders, noch intensiver atmen und gerade auch ausatmen als beim Singen. Eine solch unterschiedliche Behandlung ergibt überhaupt keinen Sinn und hat sich hoffentlich mit Beginn des neuen Schuljahrs erledigt.“

Grundschulchor

Ein Mundschutz darf zu Zeiten von Corona nicht fehlen.