burgholzhausen/ Juni 4, 2020

Da radelt man seelenruhig mit dem Fahrrad auf dem Friedrichsdorfer Waldweg entlang, lauscht den Vögeln und erfreut sich am erdigen Geruch des Unterholzes. Sonnenstrahlen erleuchten das grüne Laub, schöne Schattenspiele entstehen. Im letzten Moment ein kleines dunkles Etwas auf dem Weg entdeckt, der Radfahrer kann gerade noch ausweichen. Kleiner Stopp und nachgeschaut: Beim näheren Hinsehen erweist sich das fleckige kleine braune Knäuel als Jungvogel! Auf dem steinigen Weg ist er kaum erkennbar. Er rührt sich kaum, sitzt einfach nahe am Wegrand, scheint unverletzt. Was tun? Die Vogeleltern sind weder zu sehen oder zu hören. Die Fahrradfahrer rätseln, ob sie den Ästling mitnehmen sollen oder nicht. Doch wie transportieren? Wo kann man in solch einem Fall hinwenden?

Sie entscheiden sich, den kleinen Kerl an Ort und Stelle am Wegrand zu lassen. Haben ihm eine weithin sichtbare Barriere aus Holzstöckchen als Schutz gebaut und hoffen, dass er von sich aus umkehrt zurück ins nahe Gebüsch, sobald er wieder alleine ist und dass die Vogeleltern den Kleinen bald finden und weiter füttern. Aber eine Restunsicherheit bleibt zurück. War das richtig?

NABU: „Jungvögel bitte in Ruhe lassen“

Das kleine Erlebnis der Fahrradfahrer ist Grund genug ein wenig zu recherchieren, was bei einem Vogelfund zu tun ist, denn es ist Brut- und Aufzuchtzeit in den Gärten und Wäldern. Auf den Internetseiten des NABU, dem Naturschutzbund Deutschland e.V., wird man gleich fündig. Die NABU Berlin betreibt eine eigene Wildvogelstation und kennt das Thema genau.

„Jedes Jahr zur Brutzeit häufen sich Fundmeldungen über scheinbar hilflose Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind und von unzureichend informierten Spaziergängern mitgenommen werden. Dabei gilt: Wer auf einen einsam und hilflos wirkenden Jungvogel trifft, sollte das Tier auf keinen Fall gleich aufnehmen, sondern es an Ort und Stelle belassen. Der Schein trügt häufig, denn die Jungen vieler Vogelarten verlassen ihr Nest bereits, bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist. Wichtig ist, dass der Finder eines aus dem Nest gefallenen Jungvogels besonnen die Situation beurteilt und sich möglichst fachkundigen Rat einholt, bevor er handelt. Meist handelt es sich nicht um Waisen, sondern um fast flugfähige Jungvögel mit relativ vollständigem Gefieder, die durch Bettelrufe noch mit ihren Eltern in Verbindung stehen. Sobald der Mensch sich entfernt, können sich die Eltern wieder um ihre Kinder kümmern. Daher gilt immer: Jungvögel bitte in Ruhe lassen!“

Sie haben einen Flyer zusammengestellt, der auch für Kinder sehr gut geeignet ist, um das richtige Verhalten zu erlernen. Schauen Sie mal zusammen rein!

Zum NABU Flyer Vogelkinder für Kinder

Nestling oder Ästling gefunden?

Nestlinge sollten beim Auffinden anders behandelt werden als Ästlinge. Nestlinge sind die kleinen noch fast nackten oder kaum befiederten Küken. Sie sollten nach Möglichkeit zurück ins Nest gesetzt werden. Die größeren Jungvögel, die fast vollständig befiedert sind und kaum noch Flaumfedern aufweisen, werden Ästlinge genannt. Sie verlassen ihr Nest häufig frühzeitig und gehen gerne auf Erkundungstour und warten furchtlos auf die nächste Fütterung. Sie sollte man notfalls in einen sicheren Grünbereich in der Nähe des Fundortes setzen. Die NABU schreibt, dass sie dort meist nach ihren Eltern rufen, von denen sie bald wieder gefüttert werden. Manchmal dauert es bis zu zwei oder drei Stunden, bis die Elternvögel wieder da sind.

Bei verletzten Vögeln sollte man telefonisch Kontakt aufnehmen zu einer Tierauffang- und Pflegestation. Die nächstgelegenen sind in Hungen, Weilburg-Hirschhausen, Dreieich oder Gründau zu finden. Auch einige Tierärzte kümmern sich um Wildvögel. Die Aufzucht von Wildvögeln erfordert viel Geduld und Erfahrung. Die richtige Nahrung ist wichtig für das Überleben des Tieres.

Projekt „Wildvogelhilfe“ informiert umfassend und praxisnah

Das Projekt „Wildvogelhilfe“ mit Sitz in Essen hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen auf einer Webseite allgemein über alle Themen rund um Wildvögel zu informieren. Drei Vogelbegeisterte Frauen haben sich hier zusammen getan, um mithilfe einer gut gestalteten Internetseite Aufklärungsarbeit über Vögel zu leisten oder Hilfestellungen zur Aufzucht und Pflege verwaister und verletzter Wildvögel zu geben. Sie sprechen Themen von Winterfütterung bis zum vogelfreundlichen Garten an. Anschaulichen Fotos der Tiere untermalen nützliche Praxistipps. Dazu hilft eine Liste mit Auffangstationen in ganz Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien im Notfall schnell die richtige Unterstützung in der Region zu finden.

Sehr anschauliche Anleitungen zum richtigen Vorgehen bei einem Vogelfund finden Sie dort über diesen Link: Link zur Wildvogelhilfe: Jungvogel gefunden was ist zu tun

Die Notfallcheckliste

Wussten Sie, dass man dem Tier kein Wasser geben soll? Es besteht die Gefahr, dass das Wasser in das Atemloch hinter der Zunge gerät und der Vogel dadurch langsam ersticken kann. Sehr nützlich ist die Notfallcheckliste der Wildvogelhilfe mit konkreten Erste Hilfe-Anleitungen, falls man einen verletzten Vogel findet. Notfalls können Sie auch ein Bild zur Artenbestimmung an E-Mail wildvogelhilfe@wildvogelhilfe.org senden.


Das Wichtigste in Kürze:

        • Wärmen Sie den Vogel.
        • Geben Sie kein Wasser.
        • Füttern erst, wenn der Vogel sich warm anfühlt.
        • Füttern Sie ausschließlich frische Insekten, zum Beispiel gefangene Fliegen.
        • Keine Regenwürmer, keine lebenden Maden oder anderes Futter als frische, abgetötete Insekten geben.
        • Schicken Sie uns Bilder zur Artbestimmung (E-Mail: wildvogelhilfe@wildvogelhilfe.org)

           

          Quelle: wildvogelhilfe.org


Zur Notfallcheckliste: Zur Wildvogelhilfe.org – Jungvogel mitgenommen Notfall-Checkliste

Weitverbreiteter Irrtum

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Vogeleltern ihren Nachwuchs nicht mehr füttern, sobald ein Mensch das Tier anfasst. Der Geruchsinn von Vögeln ist nicht so hoch entwickelt wie bei Säugetieren. Vogeleltern nehmen ihre Jungen wieder auf, auch wenn sie von Menschen berührt wurden. Daher ist es kein Problem, den Winzling vorsichtig und beherzt aufzunehmen und zurück ins Nest oder in einen Grünstreifen zu setzen.

In einem Pressebericht von 2016 sagen die Experten der Nabu sogar „Hände weg von Jungvögeln!“ und begründen es so: „Besonders verärgert reagiert der NABU Berlin mittlerweile auf Zeitgenossen, die einfach erst einmal jedes Tier bzw. jeden Jungvogel einsammeln, der ihren Weg kreuzt, diesen bei sich zu Hause halten und – nachdem sie festgestellt haben, dass sie mit der Versorgung des Tieres überfordert sind – dann nach den Naturschutzexperten rufen. „Werden Jungvögel nicht mit dem artgerechten Futter versorgt, bleiben Gefiederschäden zurück, die den Jungvogel flugunfähig machen und sich erst bei korrekter Fütterung mit der nächsten Mauser auskurieren lassen“, erläutert André Hallau, Leiter der NABU-Wildvogelstation. Diese langwierige Behandlung unter fachkundiger menschlicher Betreuung ist zeit- und kostenintensiv. Doch häufig kann der Schaden nicht mehr gut gemacht werden: der Vogel stirbt. Darum appellieren die Naturschützer, nicht in den Rhythmus der Natur einzugreifen und erinnern daran, dass es auch verboten ist, Wildtiere einfach mit nach Hause zu nehmen.“

Wildvogelküken

Welches Küken ist das? Selbst für Experten anhand des Fotos schwierig zu bestimmen.

Wer ist der kleine Findling?

Wissen Sie, um welchen Jungvogel es sich auf dem Bild handelt? Bestimmungen von Jungvögeln erfordern extrem viel Erfahrung und sind auch für Experten eine Herausforderung. Selbst ein Bild allein reicht dabei häufig nicht aus. Häufig hat der Wildvogelnachwuchs zur Tarnung eine komplett andere Farbe als später der erwachsene Vogel. Fundort, Schnabelform und -größe oder die Form und Stellung der Füße sind weitere Kriterien und natürlich das Piepsen.

In der direkten Nachbarschaft beim NABU in Ober-Erlenbach gibt es einige sehr kundige Vogelkundler. (Lassen Sie sich die angebotenen Vogelwanderungen nicht entgehen, wenn sie im nächsten Frühjahr wieder angeboten werden können!) Sie haben nachgeschaut, diskutiert und mussten leider passen. Anke Dornbach von der Wildvogelhilfe.org war sich sicher, dass es sich um ein Rotkehlchen handelt. Ob das ein Treffer war oder nicht, egal. Wenn Ihnen einmal ein kleiner struppiger Kerl am Wegrand auffällt, beobachten Sie ihn eine Zeitlang, wenn er gesund erscheint, greifen Sie beherzt zu und setzen ihn vorsichtig ins nahe Gebüsch. Jetzt wissen Sie ja, wo Sie gute Erste Hilfe Infos rund um die Vögel finden!

Rotkehlchen

Das ausgewachsene Rotkehlchen hat markante Merkmale und ist leicht zu erkennen.

Empfehlung: Die NABU App “Vogelwelt” ist eine kostenlose App zur Vogelbestimmung für über 300 Vogelarten mit jede Menge Bildern und Suchfunktionen, Erstellung von Beobachtungslisten u.m.